Die Welt ist aus den Fugen

Dialogpredigt im Politischen Gottesdienst am 29. Januar 2017

Von Alfred Nell und Pfarrerin Claudia Boge-Grothaus

Was läuft falsch in unserer Welt…
Ich denke, eine überwiegende Mehrheit der Menschen kann mittlerweile spüren, dass hier auf unserem Planeten etwas aus dem Ruder gelaufen ist….und immer weiter aus dem Ruder läuft….

Man sucht nach Antworten, findet aber nur Hinweise. Es scheint, als gäbe sich da jemand die allergrößte Mühe, den Blick auf das Ganze möglichst zu verschleiern.

Die Orgie der Superreichen, also die 1 % der Bevölkerung, welche 2014 über ca. 50 % des gesamten Vermögend des Planeten verfügte, wütet exzessiver und schamloser als je zuvor.

Wir alle machen uns wissentlich körperlich kaputt, essen Dinge, von denen wir wissen, dass sie ungesund sind, arbeiten zu viel, um uns Dinge zu kaufen, die wir nicht wirklich brauchen.

Wir lassen zu, dass man uns überwacht und ausspioniert, schließlich haben wir ja nichts zu verbergen.

Wir lassen uns einreden und glauben mittlerweile fest daran, es gäbe zu alldem, zu unserem ganzen wenig idealen Verhalten, keine Alternativen.
„Wir sind eben so eingespannt und wir brauchen eben dringend das neue Auto, die neue Kochmaschine, das topaktuelle Outfit… „

Dabei beschuldigen wir niemals uns selbst und meist auch keine anderen Personen, wir haben da was wesentlich Eleganteres gefunden: wir beschuldigen die Gesellschaft, welche eben so sei und nicht geändert werden könne.

So erwarten wir, jemand anderes müsse unsere Probleme lösen, und zwar so, dass das mit keinerlei Abstrichen oder Einschränkungen für uns behaftet ist.
Nur nicht zugeben, dass wir Teil der Gesellschaft sind, auch Teil des Finanzsystems, welches wir durch unsere Spareinlagen und dem Spekulieren mit Geld aufrechterhalten.

Wir sind Teil eines Systems , das von Menschen gemacht ……und auch von jedem von uns verändert werden kann…..?????

Nun mal halblang, lieber Alfred!
Ja, Du und die anderen, ihr habt ja recht mit all den Dingen, die Ihr da nennt: Die Welt ist aus den Fugen. Und ja, wir Menschen sind das Problem, sehen die Ursache nicht bei uns, sondern gerne bei den anderen, bei den Umständen, bei Gott. Aber das ist sie schon recht lange. Eigentlich seit es Menschen gibt.

Nein, ich will das nicht relativieren. Es gab Steigerungen, aber das mit der Umweltproblematik und dem Klimawandel, das konnten schon die Römer: So weit ich in Geschichte aufgepasst habe, haben die durch das Abholzen für den Schiffsbau erst die Sahara so richtig groß werden lassen.

Und schon im Alten Testament gibt es grausame Schilderungen menschlicher Unverantwortlichkeit, Unrechts und Leid: Versklavung, Eroberung, Plünderung, Sex and Crime satt.

Also, die Welt ist schon lange aus den Fugen. Und genauso lange gibt es Gottes Ärger darüber und Gottes Hoffnungsversprechen als Gegenmodell zur menschlichen Hybris und Unvernunft. Es gibt da eine wunderbare Vision. Sie steht beim Propheten Jesaja, 11. Kapitel:
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.
6 Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten.
7 Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.
8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter.
9 Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt.

Ja, ich weiß, Alfred, was Du, was viele jetzt denken werden: Mann, ist Claudia naiv. Viel zu schön, um wahr zu sein. Und Ihr habt ja recht.

Was ist seit damals nicht alles passiert: der 30jährige Krieg hat halb Europa entvölkert, der Kolonialismus hat den Nahen Osten und Afrika gespalten, der Holocaust wirkt bis heute nach und unser Energiehunger ist bald zerstörerischer als ein Atomschlag. Also kann Gott eigentlich nur noch einpacken und die Welt sich selbst überlassen oder?

Der Eindruck entsteht auch bei mir oft genug: Gott kann einpacken und damit alle, die an die Vision von Gerechtigkeit, Völkerverständigung und Lamm und Löwe friedlich beieinander liegen, glauben.

Schon Jesus ist gescheitert mit seiner Bergpredigt und der Rede von der Schuldvergebung, dem Neuanfang, von der Gewaltlosigkeit und Liebe Gottes für alle. Warum also noch Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit machen?

Das kann ich allen hier sagen und ich tue es auch sonst: Weil diese Vision des Jesaja der Motor ist, immer und immer wieder die Verhältnisse der Welt zu ändern. Wenn Gott etwas verspricht, dann hält Gott das auch. Nicht sofort, aber doch.

Beispiel gefällig?
Gott verspricht Abraham ein großes Volk und Land. Ist eingetreten.
Gott verspricht dem Volk Israel die Rückkehr aus dem Exil in Babylon. Ist auch eingetreten.
Gott verspricht, dass der Messias kommt. Wir Christen glauben, dass dieses Versprechen ebenfalls erfüllt wurde.

Ich glaube daran, dass eines Tages Gottes Friedensreich für die ganze Welt sein wird. Also: Lamm und Löwe zusammen liegen werden, ein Kind mit der gefährlichen Schlange spielen wird und Gerechtigkeit und Weisheit statt Nationalismus, Geldgier und Fanatismus herrschen werden.

Ich glaube daran und ich hoffe sogar, dass ich das eines Tages selbst noch erleben darf. So wie damals Hannah und Simeon im Tempel von Jerusalem endlich den Messias, das Jesuskind sehen durften.

Ja, das mag naiv sein, aber das ist meine Hoffnung, die ich seit Kindertagen habe. Trotz Klimawandel, trotz Populismus und Nationalismus, trotz Antisemitismus und trotz Kriegen und Waffenexporten. Trotz des millionenfachen Leids von Flüchtlingen, trotz der Ungerechtigkeit der Sozialsysteme in Europa, trotz der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, trotz, nein gerade weil die Welt aus den Fugen scheint, glaube ich an Gottes Versprechen eines endgültigen Friedens.

Und damit meine ich nicht die Ruhe im Tod, damit meine ich nicht meine persönliche Zufriedenheit. Ich glaube, dass die Jesajavision wirklich wird, weil Gott es will.

Wem das zu paradiesisch klingt, der darf die Jesajavision auch so interpretieren: Gottes Reich ist die Auflösung jedes Machtkalküls, auch meines eigenen in Liebe. Gottes Reich löst den Zwang zum Recht des Stärkeren auf in ein Miteinander und Füreinander in Liebe.

Bis dahin ist es unsere Aufgabe, den Menschen von dieser Hoffnung zu erzählen und sie immer wieder neu zu leben. Das ist hart, denn manchmal denke ich auch: Was habe ich eigentlich meinem Kind für eine Welt hinterlassen. Ich habe es nicht geschafft, trotz meines Engagements bei amnesty international oder im Tierschutzverein eine nennenswerte Verbesserung zu schaffen.

Da könnte ich manchmal mutlos werden. Werde ich aber nicht, weil ich eines weiß: Gott will mein Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, doch letztendlich ist Gott verantwortlich für die Verwirklichung seines Friedens.

Bis dahin bleibt mir eines und das will ich tun: „Auch wenn morgen die Welt unterginge, pflanzte ich heute ein Apfelbäumchen.“ Das will ich tun, ganz konkret in diesem Jahr.

Amen

Glaubensbekenntnis aus Seoul:
Ich glaube an Gott, der die Liebe ist
und der die Erde allen Menschen geschenkt hat.
Ich glaube nicht an das Recht des Stärkeren,
an die Stärke der Waffen.
an die Macht der Unterdrückung.
Ich glaube an Jesus Christus.
Der gekommen ist, uns zu heilen,
und der uns aus allen tödlichen Abhängigkeiten befreit.
Ich glaube nicht, dass Kriege unvermeidbar sind,
dass Friede unerreichbar ist.
Ich glaube nicht, dass Leiden umsonst sein muss,
dass der Tod das Ende ist,
dass Gott die Zerstörung der Erde gewollt hat.
Ich glaube, dass Gott für die Welt eine Ordnung will,
die auf Gerechtigkeit und Liebe gründet,
und dass alle Männer und Frauen
gleichberechtigte Menschen sind.
Ich glaube an Gottes Verheißung
eines neuen Himmels und einer neuen Erde,
wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen.
Ich glaube an die Schönheit des Einfachen,
an die Liebe mit offenen Händen,
an den Frieden auf Erden.
Amen.