Paulus und die Torheit des Kreuzes

Pfarrerin Claudia Boge-Grothaus

Predigttext zum Gottesdienst an der Waterbör am 16. juli 2017

Von Claudia Boge-Grothaus

Liebe Gemeinde!

Schwere Kost für leichte Tage. Ich meine: Die philosophischen Gedankengänge des Apostels Paulus zu Beginn der Sommerferien. Ich hätte es mir leicht machen können und über Abrahams Auszug aus Haran predigen können: Mit Strandzelt, Pickniquekorb und Rucksack im Gepäck. Es ist Reisewetter, Urlaubszeit und die Sehnsucht nach Freiheit und Abendteuer bestimmen mein Denken.
Und dann der Freiluftgottesdienst an der Waterbör...

Warum jetzt doch der Text über die Torheit des Kreuzes?
1. Kor 1,18-25
Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.
22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
Weil es mich gejuckt hat, mich wieder einmal damit zu befassen.
Auch der Text aus dem Korintherbrief hat etwas mit unseren menschlichen Sehnsüchten zu tun. Sehnsucht nach Freiheit, Abenteuer und zugleich nach Gewissheit, Berechenbarkeit und Sicherheit.
Abraham lebte in der Sicherheit einer Städtischen Zivilisation und macht sich auf den Weg in die Unsicherheit eines Fernen Landes, nur geleitet vom Vertrauen auf Gott.
Abraham macht sich auf den Weg, weil er eine tiefe Sehnsucht nach Gott in sich spürt.
Die Menschen zur Zeit des Paulus, also die Christen und auch die zukünftigen Christen in Korinth und ...
Die kommen auch aus sicheren Verhältnissen. Als Juden gehören sie einer Jahrhunderte alten Religionsgemeinschaft mit festen Glaubenssätzen und Regeln an. Eine tragfähige Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und trägt, verbunden mit dem Gott der Mütter und Väter des Glaubens seit dem Bundesschluss am Berg Sinai.
Schon lange hat das Volk Israel die Sehnsucht nach einem Erlöser, einem Messias, der endlich Gottes Reich auf Erden aufrichtet und alles wird gut.

Und die anderen, auf die Paulus trifft. Das sind die von der griechischen Philosophie, u.a. Platons geprägten Menschen Korinths. Ihre Denkwelt ist geleitet von der antiken Götterwelt und von der Sehnsucht nach einer alles verbindenden Kraft, dem unbekannten Gott. An diesen hatte Paulus bereits eine Predigt gerichtet... Sie haben die Idee von einer staatstragenden Demokratie der freien (Männer) in Teilen der Gesellschaft verwirklicht. Sie denken über die Ideen des Platons nach, darüber, dass die Seele im irdischen Leben im Körper gefangen ist und der Tod sie daraus befreit.
Ihre Sehnsucht heißt Freiheit von den Zwängen des Lebens, Freiheit von dem Kleinklein des Alltags, Freiheit zum Einswerden mit der Idee die hinter aller Philosophie steht.

Liebe Gemeinde!

Ich finde, die Menschen damals waren auch nicht anders als wir heute.
Wenn ich in eine Buchhandlung gehe, dann geht es im Bereich Religion/Philisophie und Psychologie genau um diese beiden Sehnsüchte: Die einen suchen nach dem Patentrezept für Frieden und Gerechtigkeit.
Und die anderen suchen nach individueller Befreiung von den Zwängen und Einengungen des irdischen Lebens.

Und jetzt kommt Paulus und sein Wort von der Torheit, der Dummheit des Kreuzes ins Spiel:

Paulus muss sich damals am Markt der Suchenden und Sehnsüchte behaupten. Und er weiß: sein Angebot ist gegen die Regeln der damaligen Vernunft. Paulus hat keinen „Renner“ im Angebot.
Wer auf Erlösung von Unrecht, Machtgier, Kriegen und Naturkatastrophen wartet, der schüttelt den Kopf, wenn ihm jemand den Gekreuzigten Jesus als Messias anbieten will.
Wie soll ein Gescheiterter Gottes Reich verwirklichen. Nein Danke!
Und wer auf die Befreiung der Seele aus körperlichen Abhängigkeiten hofft, wer glaubt, dass man sein Selbst durch mentale Übungen perfektionieren kann, um das Ideal zu erreichen, der muss ebenfalls den Kopf schütteln. Ein Folterinstrument als Glaubenssymbol: Das ist alles andere als erhebend für den Geist. Im Gegenteil: Das Kreuz ist erniedrigend, Ekelhaft und zutiefst leiblich.

Ich finde, Paulus hätte es sich auch leichter machen können.
Die Bergpredigt Jesu bietet doch alles, was wir Menschen uns wünschen. Sowohl für die, die auf den Messias hoffen, als auch für die nach mentaler Freiheit Suchenden.
Damit können Menschen, auch Nicht-Christen etwas anfangen, mit der Botschaft des Wanderpredigers Jesu, seinem Aufruf zur Gewaltlosigkeit. Mahatma Gandi hat es vorgemacht. Sein Gewaltloser Widerstand in den 40er Jahren gegen die britische Besatzung Indiens hatte die Seligpreisungen Jesu zum Vorbild. Und Mahatma Gandi war bekennender Hindu.

Warum nur quält Paulus seine LeserInnen und damit auch uns heute Morgen mit der Theologie vom Kreuz?
Weil das Kreuz auch eine Aufbruchgeschichte ist.
Gott bricht auf. Gott bricht mit allen Konventionen und Regeln des bisherigen Glaubens. Am Kreuz stirbt ein Unschuldiger aufgrund eines Justizirrtums.
Und genau da beginnt für Gott das Abenteuer, der Aufbruch in ein neues, unbekanntes Land. So wie Abraham. Gott siegt nicht, weil viele Menschen für die Sache Gottes in den Kampf ziehen, Gott siegt auch nicht durch Naturgewalt. Gott stirbt erst einmal. Der Gott, der mächtig ist, der Gott, der die Menschheit mit einem Schlag vernichten kann. Der Gott stirbt da. Und damit auch das von Menschen entwickelte Bild eines starken Erlösers/Messias.
Gott beginnt noch einmal von vorne. Mit sich und mit den Menschen. Dort am Kreuz.
Gott bricht auf in ein unbekanntes Land des Glaubens.
Und Paulus ist derjenige, der diesen Weg mitgeht und diesen Gott den Menschen näherbringen will.

Das ist das eine, was da am Kreuz passiert. Aufbruch aus starren, veralteten, Menschen gemachten Regeln und Denkmustern.
Und das andere: Das Kreuz ist ja nicht das Ende. Für die nach Erhöhung und Erleuchtung ihrer Seelen suchenden Menschen bietet das Kreuz eine sichtbare Achse nach Oben.
Jesus am Kreuz erhöht, so formuliert es etwas altmodisch die Theologie. Mit antiker Logik hat das nichts mehr zu tun. Aber genau das ist auch ein Stück Befreiung. Befreiung aus dem Netz Menschen gemachter Philosophie und Denkmodelle. Am Kreuz zeigt sich, dass Gott mehr kann, als wir Menschen es zu denken wagen. Gott befreit uns zu neuem Leben und damit aus dem Kreislauf von Leben und Tod, das am Ende immer mit dem endgültigen Tod endet.

Das einzige Problem dabei, und das haben auch viele Christen bis heute: Warum muss das ganze in echt mit Leiden am Kreuz verbunden sein.
Das ist das Ärgernis und die Torheit vom Kreuz, die bis heute nicht aus der Welt sind. Das Kreuz ist schwer zu vermitteln.
In seinem zweiten Brief an die Korinther (12,9) schreibt Paulus deshalb auch: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Darin wird die Unlogik des christlichen Glaubens deutlich und zugleich eröffnet das Kreuz allen denjenigen einen Weg zu Gott, die weder stark genug sind, sich akribisch an alle Regeln ihrer Religion halten zu können, noch fähig genug sind, sich mental am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Abhängigkeiten in das Licht der Erleuchtung zu ziehen.
Paulus macht mit dem Kreuz deutlich:
Stark bin ich, wenn ich mich auf Gott verlasse.
Stark bin ich, wenn ich gewaltlos lebe wie Jesus es tat, bis zum Kreuz.
Stark bin ich, wenn ich mich nicht auf mich selbst verlasse, sondern mich in die Hände des scheinbar schwachen Gottes fallen lasse.
Stark bin ich, wenn ich mich meiner Schwäche stelle, sie zulasse. Stark bin ich, wenn ich mit Gott, mit Abraham, mit Jesus am Kreuz immer wieder neu den Aufbruch aus vertrauten Strukturen und Denkmodellen wage.
Das Kreuz ist das Symbol des Aufbruchs in die Freiheit des Denkens und Lebens in der Geborgenheit Gottes.
Amen