Joost oder warum gerade ich?

Erstellt am 10.04.2019

Quelle im Frühjahr ohne ein Theaterstück der Gruppe „Rostfrei“ – das kann man sich schon gar nicht mehr vorstellen. Auch in diesem Jahr verfolgen etwa 330 Personen an drei Terminen die Aufführungen im Johannes-Gemeindehaus an der Georgstraße.

Die vierte Veranstaltung, die eigentliche Uraufführung, musste ausfallen, da einer der Schauspieler am Tag zuvor ganz plötzlich verstarb. Um so mehr Hochachtung gebührt den übrigen Schauspielern, die zu Ehren des Toten dennoch spielen wollten.

Die Zuschauer bekommen eine moderne Version des Buches Hiob aus dem alten Testament zu sehen. Hiob, fromm, gottesfürchtig, rechtschaffen, reich an Geld, Land, Vieh und Nachkommen, ist offensichtlich von Gott gesegnet. Den Satan wurmt diese Gottestreue, und er erwirkt vom Herrn die Erlaubnis, Hiob alles zu nehmen außer dem Leben – Geld, Land, Vieh, Söhne und Töchter, und er nutzt diese Situation weidlich aus.

Hiob jedoch zweifelt nicht an seinem Gott, obwohl er nicht weiß, warum ihn diese Schläge treffen. Er nimmt sie hin und spricht sich schuldig, tut, wie es in der Bibel heißt,  „Buße in Staub und Asche“. Deshalb wendet der Herr Hiobs Geschick und gibt ihm doppelt soviel Geld, Land und Vieh als zuvor, und auch die Nachkommenschaft wird wieder genau so reich wie vor dem Abkommen mit Satan.

Wie übertrage ich eine solche Geschichte in die Gegenwart? Friedrich Rueß, der Autor des Stücks „Joost oder Warum gerade ich?“, verlegt die Szene in eine deutsche Kleingartenkolonie namens „Grünland“, deren Mitglieder sich vermeintlich gut kennen, sich schätzen und gemeinschaftlich arbeiten. Joost, der Held im Stück, ist eine zu Hiob passende Figur: hoch angesehen, aber auch stark beneidet in der Kleingartenkolonie „Grünland“ von seinen Mitgärtnern, weil ihm im Gegensatz zu den anderen alles gelingt – ihn treffen weder Frostschäden noch Schneckenplage, und seine Ernten fallen auch bei Dürre oder Dauerregen reichlich aus.

Wie Hiob setzt auch Joost auf Gott und aufs Gebet, und beide glauben, dass sie ihre Erfolge nur wegen ihres unerschütterlichen Gottvertrauens aufweisen. Doch dann geht es Joost wie Hiob: nacheinander treffen ihn zunächst Arbeitslosigkeit und Verlust der Wohnung, danach ein schwerer Unfall seines Sohnes, und zuletzt kehrt ihm auch seine Frau Henni den Rücken. Häme und Demütigungen seitens der übrigen „Grünländer“ zeigen, dass Gemeinsamkeit nur für den Erfolgsfall gilt.

Joost sieht keine Schuld bei sich, nimmt aber die Schläge duldsam hin, die er als ihm von Gott auferlegte Prüfung empfindet – genau wie Hiob in der Bibel. Und wie Hiob von seinen Freunden darauf angesprochen wird, dass er Schuld auf sich geladen haben müsse, da sonst eine solche Unglücksserie nicht erfolgen könne, so sucht  Joosts Mitchristin Fides einzig in seinem angeblich fehlerhaften Verhalten Gott gegenüber die Ursache für sein Geschick und erweist sich als ungnädiger als alle „Grünländer“ zusammen.

Beide, Hiob und Joost, sehen sich genötigt, sich zu rechtfertigen für ihr Gottvertrauen, das Gutes und Schlechtes als von Gott gegeben hinnimmt. Joosts Schicksal scheint sich am Ende, ebenso wie das von Hiob, wieder zum Guten zu wenden, bleibt aber offen, da der Autor der Zukunft nicht vorgreifen kann.

Die Rolle des Joost, um den sich alles dreht in diesem Schauspiel, hat Carsten Ledwa übernommen, der anfangs große Selbstsicherheit ausstrahlt, denn er weiß, er ist angesehen bei Gott und bei den Mitmenschen im Verein „Grünland“. Er scheint nicht bemerkt zu haben, dass ihm seine „Grünländer“ den Erfolg nicht gönnen, wie bereits in der zweiten Szene deutlich wird. Ledwa, sprich Joost, spielt nach den ersten Schlägen (Arbeitsplatzverlust, Kündigung der Wohnung) den Sachlichen, lässt die Angst nicht an sich heran, nimmt hin, was ihm zugedacht ist.

Anders seine Frau Henni (Romy Brinkmann), die ihn vehement zu Taten auffordert („Resignation ist Verrat an der guten Sache“). Ihr ganzer Körper spricht eine andere Sprache als der ihres Mannes. Auch im weiteren Verlauf ist sie die Aktive, die handelt und sich kümmert und sich am Ende folgerichtig von ihrem untätigen Mann trennt. Romy Brinkmann zeigt Henni als impulsive, nachdenkende Ehefrau und Mutter, die der fatalistische Glaube ihres Mannes aus der Ehe treibt.

Carsten Ledwa – Joost – hingegen akzeptiert lange keine eigenen Fehler. Ein Wunsch nach Veränderung? Ein Hauch von Demut? Fehlanzeige! Ledwa spielt in Gestik und Mimik einen Störrischen, auf der Bühne ringt er körperlich und geistig gegen Fides´ Grundsatz an, Gott dürfe alles Böse und jedes Übel geschehen lassen, und erwartet, dass Gott sein Handeln erklärt.

In der letzten Szene zeigt sich Ledwa dann als Geläuterter, der seinem vermeintlichen Anspruch auf Segen abschwört und alles weitere im Leben als unverdiente Gnade akzeptiert.

Joosts eigentliche Widersacherin im Stück ist die Hebamme Fides, gespielt von Helga Rueß-Alberti. Die evangelikale Christin beharrt wie Joost auf ihrer Sichtweise der Schicksalsschläge, die Joost treffen. Mit ihrer gewollt kalten, leicht krächzenden und sich fast überschlagenden Stimme unterstreicht sie ihre Gewissheit, jede kleinste Abweichung von Gottes Willen als intolerable Sünde brandmarken zu können.

Die „Grünländer“ bilden den Unterbau der Szenerie. Jede(r) der Spielerinnen und Spieler zeigt einen prägnanten Menschen, wie er im Alltag vorkommt, und alle miteinander bilden eine Gesellschaft ab, die sich selbst bejubelt, solange sie Erfolg hat, und gegeneinander intrigiert, wenn das Leben anders als erwartet abläuft. Jede(r) vertritt nur seine Interessen, auch die Paare sind nie einer Meinung. Ralph Klimt, der den Vereinsvorsitzenden Hacker verkörpert, ist ein lauter, unüberhörbarer, großer Mensch, der aufgrund dieser Kriterien eine ideale Besetzung der Rolle darstellt. Er versucht sachlich zu bleiben, ändert das aber immer dann, wenn ihm selbst etwas abverlangt werden soll.

Sein Lebenspartner Ertl ist dagegen eher der empfindsame Mensch, der sich zumindest etwas in Joosts Seele hineindenken kann. Friedrich Rueß hat diese Rolle kurzfristig übernommen und sich schnell hineingelebt. Jürgen Handwerk zeigt als Kleingärtner Schutte, dass er nicht nur alte, würdige Personen wie in früheren Stücken spielen kann; sein Schutte agiert misstrauisch und heftig und reagiert voreingenommen – ein eher unangenehmer Typ.

Seine Frau Brit, von Ulla Winkelmann dargestellt, gibt sich wissend und lebensnah, trifft mit einigen Sprüchen ins Schwarze, lässt sich aber nicht in die Karten blicken und kann daher mit allen anderen am besten. Dieter Eggers zeigt seinen Kleingärtner Lismann als einen Pingelkopf, kleinlich in seinem Gebaren, aber nicht dumm. Sehr schön, wie er Joost beinahe hinten herum verdeutlicht, in der Gemeinschaft der „Grünländer“ eine Belastung und nicht mehr willkommen zu sein. Er spricht das oft eher sachte daher, ist im entscheidenden Moment aber knallhart.

Seine Frau Dodo (Elken Dreier) passt gut zu ihm; von ihr erfährt der Zuschauer vieles über die anderen Personen, vor allem über ihren Mann Lismann; sie fragt nach und gibt wichtige Antworten. Elken Dreier spielt Dodo mit großer Natürlichkeit – eine Frau von nebenan. Auch Guste, die Kleingärtnerswitwe, kommt positiv über, Rosemarie Mathiebe mit ihrer freundlichen, auf andere zugehenden Art ist die ideale Obdachgeberin für Henni, Joosts Frau, und Gesprächspartnerin für Fides, deren Unnachgiebigkeit ihrer Art widerspricht.

Dem Regisseur Dr. Egon Gindele gelingt es, einer Schar von Laiendarstellern von Jahr zu Jahr neue Herausforderungen zu stellen und sie dabei immer besser werden zu lassen. Sie sind angeleitet, ihre eigene natürliche Art in die zu verkörpernden Rollen einfließen zu lassen, aber auch das Typische jeder Figur zu beachten. Jede Figur ist sehr speziell und muss vom Spieler erst für sich entwickelt werden.

Sehr erfreulich war, dass die Sprache aller Schauspieler klar und deutlich  beim Zuschauer ankam. Eine gewisse Routine im Umgang mit Rollen umgibt inzwischen den Regisseur und die gesamte Gruppe „Rostfrei“. In dieses Lob mit eingeschlossen sind auch die „unsichtbaren“ Mitwirkenden im Hintergrund: Christine Hahn, Hanne und Klaus Todenhöfer, Karin Bergmann, Laura Fontes und Alexandra Pris.

Ein besonderes Lob gebührt dem Autor Friedrich Rueß, aus dessen Feder Jahr für Jahr neue Schauspiele mit zumeist biblischer Grundlage stammen, deren Figuren die aktiv Mitwirkenden in ihrer persönlichen Art und Weise mit einschließen. Ein lang anhaltender und sehr herzlicher Beifall begleitete die Schauspieler am Ende jeder Vorstellung.

Quelle wartet auf das nächste Theaterstück!


Text: Reinhard Kräuter